Die Kunst der Grenzziehung

Dem Schulförderverein der Franz von Assisi-Schule Waldstetten war es kürzlich gelungen, für seine Veranstaltungsreihe „Elternforum“ Christian Brodt vom Landesnetzwerk Konflikt-Kultur als Referenten zu gewinnen. Zunächst stellte Christian Brodt die Einrichtung, die es seit 1997 gibt und die mittlerweile in mehreren hundert Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe tätig ist, vor. Die bisher größte Herausforderung stellte für das Landesnetzwerk die Nachsorgearbeit nach dem Winnender Amoklauf  2009 dar.

Die Kunst der Grenzziehung sei eine zentrale Fähigkeit, um soziale Kompetenz von Kindern und Jugendlichen zu stärken. Auf vier zentrale Fragen müsse man, so begann Christian Brodt seinen Vortrag, Antwort geben, um Kindern und Ju-gendlichen Orientierung und Sicherheit geben zu können.  Zuerst gehe es dar-um, wie gemeinsam Werte und Regeln vermittelt, Selbstkontrolle gestärkt und damit das Recht auf störungsfreien Unterricht verwirklicht werden könne.

Zuerst stellte der Referent klar, dass der Fachbegriff  „Pädagoge“ tatsächlich mit „Kinderführer“ übersetzt werden müsse. Das bedeute, dass es zunächst darauf ankomme, Grenzen rechtzeitig zu setzen, um Kinder und Jugendliche nicht zu überfordern. Daher müssten wichtige Verhaltenserwartungen der Eltern an ihre Kinder eindeutig und überprüfbar sein. Eine Anweisung wie z.B. „Benimm dich anständig!“ sei viel zu unpräzise, denn Kinder und Jugendliche dürften nicht im Unklaren gelassen werden und müssten wissen, was sie genau tun sollten. Auch müsse Eltern bewusst sein, dass sie nicht die Wahl hätten, ob sie sich mit Kindern auseinandersetzen sollten, denn sie könnten einzig nur die Rahmenbedingungen festsetzen.

Christian Brodt machte dann deutlich, dass Kinder und Jugendliche eine Welt bräuchten, die vorhersehbar sei. Strukturen und Rituale böten den Heran-wachsenden Halt und Sicherheit und daher sei es unabdingbar, Grenzen auch durchzusetzen. Um dies zu erreichen, dürften die Eltern nicht weit verbreitete Vorurteile übernehmen. So glaubten Eltern, sie würden durch Festsetzen von Grenzen ihre Kinder konditionieren oder gar dressieren. Tatsächlich seien aber Konditionierungen nicht nur hilfreich und nicht zu verhindern. Denn nur wer von Kindern etwas heimlich verlange, manipuliere sie. Christian Brodt appellier-te an die Eltern berechenbar zu sein und die Karten offen auf den Tisch zu le-gen. Auch werde durch das Aufzeigen von Grenzen nicht, wie irrtümlich ange-nommen, die Eigenmotivation zerstört, denn wo keine Eigenmotivation sei, könne auch keine zerstört werden.

Wer Leistungen anerkennt, verwöhne sie nicht. Was Kinder motiviert ist, ist nicht die Belohnung, sondern die Erwartung einer Belohnung. Es gehe nämlich darum, Geduld, Frustrationstoleranz und Bedürfnisaufschub zu trainieren. Wenn Eltern vorgäben, sie hätten keine Zeit, wäre dies fatal. Werde positivem Verhalten keine Aufmerksamkeit geschenkt, bleibe leistungsschwachen Kindern und Jugendlichen nichts anderes übrig, als diese durch negatives Verhalten zu erzeugen.

Bedürfnisaufschub, Frustrationstoleranz, Selbstkontrolle seien wichtige Kom-petenzen, die erlernt und eingeübt werden müssen, um im Erwachsenenleben zu bestehen. Mithilfe klarer Anweisungen würden, so versprach der Referent den Zuhörern, die Kinder und Jugendlichen Grenzen respektieren.

Kinder und Jugendliche lernten vor allem durch Lob und Anerkennung, aber ihnen müsste auch klar sein, dass es keine Belohnung für aggressives Verhalten gäbe. Ebenso wichtig sei, dass die Eltern den Grundsatz „Damit kommst du nicht durch!“ beherzigten und schnell reagierten. „Nicht reden, handeln!“ lau-tete die nächste Anweisung. Es müsse auch ein persönlicher Preis oder eine Wiedergutmachung eingefordert werden. Dabei habe es sich als vorteilhaft er-wiesen, auf das Wort „Strafe“ bewusst zu verzichten. Als Erwachsener müsse man aber dann auch in der Lage sein, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun und damit dem Kind bzw. Jugendlichen wertschätzend zu begegnen.

Grenzen zu setzen, so schloss Christian Brodt seinen unterhaltsamen und mit viel Beifall bedachten Vortrag ab, sei nicht immer einfach. Es lohne sich aber, sich darauf einzulassen, denn wer Kindern und Jugendlichen Grenzen setze, befriedige deren Bedürfnisse und seine eigenen. Die beiden Vorsitzenden des Schulfördervereins, Dr. Bulling und Dieter Schneider, bedankten sich, nachdem Christian Brodt auf die Fragen seiner Zuhörer eingegangen war, mit einem Weinpräsent beim Referenten für die vielen lebensnahen Ratschläge.

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